Katholikentag 2018: Digitalisierung nicht mit Ausbeutung verwechseln

Das forderte Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales, auf dem Katholikentag 2018 auf dem Podium „Friedliche digitale Arbeitswelt 4.0?“. Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV), Christliche Arbeiterjugend (CAJ), Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle (KSZ), Kolpingwerk Deutschland und Bund Katholischer Unternehmer (BKU) hatten den Bundesminister und weitere Gäste zur Diskussion eingeladen.

Foto: J. Hüpkes  – Die beiden Testimonials,  Stefan Lesting (Start-Up Unternehmer, Mitte) und Peter Bürrmann (klassischer Arbeitnehmer, Rechts) im Gespräch mit der Moderatorin Dr. Ursula Weidenfeld

Deutschland – Impulse für die Diskussion lieferte Prof. Dr. Hilmar Schneider, Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, der die derzeitigen Entwicklungen einzuordnen versuchte: „Technischer Fortschritt ermöglicht Mensch sein. Die Befreiung von mechanischer und regelgebundener Arbeit erlaubt es uns, uns auf das zu konzentrieren, was wir als Menschen wirklich gut können. Wir sind soziale, kreative Wesen.“ Damit machte er deutlich, dass es im Rahmen der Digitalisierung neben – teilweise überschätzen – Risiken auch viel Potential gibt.

Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales, fand demgegenüber vor allem mahnende Worte. Er verglich die derzeitige Entwicklung mit den Ereignissen des 19. Jahrhunderts und kam zu dem Schluss, dass sich die Entwicklungen vor allem in der Geschwindigkeit unterscheiden. „Unsere Aufgabe ist es, aus technischem Fortschritt sozialen Fortschritt zu machen. Die Chancen – die durchaus da sind – müssen wir zur Humanisierung der Arbeitswelt nutzen.“ Bundesarbeitsminister Heil dazu weiter: „Wir dürfen aber nicht naiv sein, wenn beispielsweise einige versuchen, Digitalisierung für Ausbeutung zu missbrauchen. Es ist die Aufgabe des Staates, dafür vernünftige Regeln auszuhandeln.“

Die unternehmerische Perspektive brachte Dr. Paul-Bernhard Kallen ein, seinerseits Vorstandsvorsitzender der Hubert Burda Media Holding. Er verwies – nicht ohne Stolz – auf die Burda Media Holding, die bereits Mitte der 90er-Jahre erkannt hätte, dass die Karten neu gemischt werden. Man müsse verstehen, dass alte Wettbewerbsvorteile nicht von ewiger Dauer sind. Innovation, neue Produkte und neue Geschäftsmodelle müssten gefunden werden. Hierzu sei in der Regel ein Umbau des Unternehmens notwendig, bei dem auch die Mitarbeiter mitgenommen werden müssten.

Andreas Luttmer-Bensmann, Bundesvorsitzender der KAB, nahm diesen Ball auf und ergriff Position für die Beschäftigten in Deutschland: „Ich glaube, dass sich die Meisten als Getriebene fühlen in unserem System. Sie können nicht genau nachvollziehen, was da passiert. Was bedeutet das für mein Unternehmen und ganz konkret für meinen Arbeitsplatz?“ Dennoch erkennt Andreas Luttmer-Bensmann, dass unsere Gesellschaft inzwischen sensibilisiert ist. Das Problem bestehe nur darin, die tatsächlichen Trends zu destillieren. Viele Entwicklungen sind noch unklar. Einige hingegen – wie z.B. das Thema Arbeitszeit – hätten sich bereits offenbart. Hier müsse man den bestehenden Schutzmechanismen den Rücken stärken: „Die Leistungsfähigkeit des Menschen hat Grenzen.“

Auch eine der wohl spannendsten Fragen, nämlich nach dem möglichen Verlust von Arbeitsplätzen, wurde kontrovers diskutiert. Aus wissenschaftlicher Sicht – so Prof. Dr. Hilmar Schneider – könne dieses Szenario bisher nicht bestätigt werden. Eine ältere Studie von 2013 Frey/Osborne (2013), die mit Daten aus dem Jahr 2010 arbeitet, die von einem Arbeitsplatzverlust von bis zu 50 Prozent in den USA ausgeht, habe sich bisher in keiner Weise bestätigt. Im Gegenteil: Waren es 2010 rund 136 Mio. Beschäftigte in den USA, sind es heute ca. 154. Mio. Beschäftigte.

Gut 500 Zuhörer im überfüllten Hörsaal der Universität beteiligten sich rege an der Diskussion und sahen der Digitalisierung nicht so gelassen entgegen: „Kann ich bei dem Wandel noch mithalten? Was heißt das für unser Bildungssystem? Wird Digitalisierung feste Arbeitszeiten auflösen? Was ist mit den Sozialversicherungen? Was können Gewerkschaften tun und was Politik?“

Dr. Paul-Bernhard Kallen räumte an dieser Stelle – zumindest seiner Meinung nach – mit einem Irrglauben auf: „Das Beispiel von dem Roboter aus der Krankenpflege ist Unsinn. Der Roboter kann der Krankenschwester Dinge hinterhertragen – dazu wird er in der Lage sein. Aber er wird ihre Aufgabe niemals ersetzen können. Wir kriegen neue Jobs und das sind andere Jobs und sie erfordern mehr Kreativität und mehr Verantwortung. Aber es ist ein Gespinst, das Jobs einfach so wegfallen.“

Das in der Digitalisierung ebenso Chancen liegen, wusste auch Hubertus Heil zu berichten. Er verwies auf Menschen mit Behinderungen, die nun neue Möglichkeiten hätten. Gleichzeitig würde er aber auch die Schattenseiten kennen und berichtete von einem Lieferdienst, der seine Mitarbeiter aus dem Angestelltenverhältnis entlässt und als „Freelancer“ wiederbeschäftigt. Dann ohne soziale Absicherung und arbeitsrechtliche Regeln. „Da verwechseln offenbar einige Leute Digitalisierung mit Ausbeutung. Wir müssen Sicherheit im Wandel schaffen.“

Auch das Thema „Bildung“ hatten alle Podiumsgäste als zentralen Punkt auf ihrem Zettel. In Zukunft würden nicht nur einfache Tätigkeiten in Frage gestellt, sondern auch „mittlere“ Ausbildungsberufe, so der SPD-Politiker Hubertus Heil. Er würde sich daher eine Arbeitsversicherung wünschen – anstatt der bisherigen Arbeitslosenversicherung. Damit sollen alle Menschen ein Anrecht auf Qualifikation im Erwerbsleben bekommen. Mehr Applaus erhielt jedoch ein anderer Satz von ihm, der die Ergebnisse der Diskussion sehr treffend zusammenfasst: „Arbeit muss zum Leben passen und nicht umgekehrt.“