Karneval: Mit „Helau!“ und „Alaaf!“

Hin und wieder durfte ich meiner Großmutter auch bei ihrem Hobby mithelfen. Sie nähte leidenschaftlich gern. Gerade in der Nachkriegszeit, in der es kaum fertige Ware zu kaufen gab, ratterte ihre Tret-Nähmaschine ständig, entweder zur Erstellung ihrer Garderobe oder zur Ausbesserung der Haushaltswäsche.

Karneval – Sie besaß schon ein Exclusivmodell der Maschine mit Zick-Zack-Stich. Damit erstellte sie auch meiner Puppe die schönsten Kleider, vom Schlafanzug bis zum Abendkleid. Selbst aus den Teilen, die ich zugeschnitten hatte, indem ich die Puppe auf den Tisch legte und mit der Kreide die Umrisse aufmalte, bekam sie noch ein passendes Stück hin.
Zu dem bevorstehenden Karnevalsfest fertigte meine Oma mir ein Kostüm: eine große weiße Schürze, ein Dreiecktuch für den Hals und eine überdimensionale Kochmütze. Unter dieser standen meine beiden Zöpfe wie Rasierpinsel zur Seite weg. Ein langstieliger Holzlöffel wurde mir hinter die Bindebänder der Schürze gesteckt und fertig war der Koch. Dabei wäre ich doch viel lieber eine Prinzessin geworden! Aber mit dem erstellten Kochkostüm zog mein Vater mit mir zum ersten Kinderkarneval nach dem Krieg. Ein ganzer Saal voller bunt gekleideter Kinder. Viele Tänzerinnen im Tüllröckchen, duftige Feen und elegante Burgfräulein sangen miteinander und tanzten umher. Nur ich wollte nicht dabei sein, weil ich mich in meiner Verkleidung geschämt hatte. Voller Verzweiflung, weil kein gutes Zureden half, verließ mein Vater mit mir Weinende das Fest.

Foto: Rudy and Peter Skitterians

Am nächsten Tag war Rosenmontag. Auch unser Städtchen hatte einen Umzug geplant. Also machten wir uns auf, diesem Treiben beizuwohnen. Von weitem schon hallten die Schunkellieder: „Es war einmal ein treuer Husar…“ und „Das kannst Du nicht ahnen, du munteres Rehlein du…“ „Heidewitzka, Herr Kapitän…“ Singend und schunkelnd drängten sich die bunten Menschen am Straßenrand. Mit „Helau!“ und „Alaaf!“ begrüßten sie die lustig geschmückten Wagen. Von da aus flogen im hohen Bogen ‚Kamelle’ in die Menge. Dies waren Karamellbonbons, die beim Kauen furchtbar an den Zähnen klebten und verschiedenartige harte Fruchtbonbons. Der Dackel, einer neben uns stehenden Familie, glaubte wohl auch etwas Leckeres erwischt zu haben. Doch bald lag er auf der Seite und rieb mit seiner Pfote ständig an den Zähnen entlang. Als er sich endlich von dem „Leckerli“ befreit hatte, ignorierte er alle weiteren Wurfgeschosse in der Gosse.
Die Kinder aber grabschten weiterhin danach und füllten ihre mitgebrachten Beutel, um später ihre Beute mit anderen zu vergleichen. Da war auch ich fleißig dabei und merkte nicht, wie frostig kalt dieser sonnige Wintertag war.
Ein Motivwagen ist mir dennoch in Erinnerung geblieben. Aus runden Löchern in dem großen Kastenwagen ragten sich auf und ab bewegende Damenbeine in Nylonstrümpfen. Diese vor Kälte roten und blauen Beine wiesen wohl auf eine ansässige Kunstseidenfabrik hin.
Große Angst hatte ich vor den riesigen Quellköpfen aus Pappmachee. Diese anormalen Figuren liefen kreuz und quer durch den Zug und belästigten die Zuschauer.
Mit einem prall gefüllten „Kamelle“-Beutel zogen wir am Ende glücklich heim.

Eine geraume Zeit später, Karneval war längst vergessen, man freute sich schon auf Ostern, da begegneten uns auf der Straße zwei Nonnen in der Tracht der Vinzentinerinnen. Ihre Gewänder reichten bis zum Boden und ihre großen Hauben glichen weißen Schwänen. Begeistert rief ich:
„Guck mal, da sind immer noch Karnevalsjecken!“
Lächelnd und mit einem verzeihenden Blick schritten sie an uns vorbei.

Aus: Jutta Jansen, Oh du fröhliche Nachkriegszeit (Ein humorvoller Zeitspiegel aus der Sicht eines „Nachkriegs-Kindes“)
ISBN 978-3-940063-75-5, Taschenbuch, 14,8 x 21 cm, 108 Seiten, 8,95 €, Kater Literaturverlag